Thomas Bernhard

Eine Hommage und eine Erregung
von Frank Müller

Erstaunlich, wie alle Welt dieses Jahr den achtzigsten Geburtstag von Thomas Bernhard feiert, dachte ich, wie ich am Sonntag in meinem Lesesessel gesessen bin und noch einmal Bernhards Holzfällen angelesen habe, sein vielleicht bestes Buch, wie gesagt wird. Ich habe Bernhards Holzfällen ja schon vor mehr als zwanzig Jahren einmal gelesen, ich hatte es mir von meinem Studienfreund Jörg geliehen, als ich mein Studium in Bonn abzubrechen im Begriff gewesen bin, um es in Paderborn fortzusetzen, nicht ahnend, dass meine Studienzeit in Paderborn die furchtbarste sein würde und ich der völligen geistigen Verödung nur entkommen konnte mit der Hilfe meines alten Studienfreunds Jörg und der Bücher Thomas Bernhards. Das Studium in Bonn erschien mir ja damals als das stumpfsinnigste, während das Studium in Paderborn sich später als noch viel stumpfsinniger, noch geistfeindlicher entpuppen würde und die Verlegung meines Studienorts von Bonn nach Paderborn mir bald als meine Existenzkatastrophe erscheinen würde, die mich zeitweise in die völlige Ausweglosigkeit trieb. Nur mein Freund Jörg und Thomas Bernhard haben mich gerettet damals, dachte ich am Sonntag in meinem Lesesessel. Jörg ist mir einer der wenigen Lebensmenschen gewesen und hat mich in vielen geistigen Dingen angeleitet und gerettet, den Nietzsche hat er mir gegeben und schließlich eben den Bernhard. Mit Holzfällen hatte es aber nicht begonnen, sondern mit Bernhards Auslöschung. Jörgs Suhrkampausgabe mit dem grünen Umschlag hatte ich schon in den Semesterferien in Paderborn begonnen, ausgerechnet wie ich im Paderborner Freibad auf der Liegewiese gelegen bin, wo mir das Freibad mit seinen billigen Vergnügungen doch verhasst gewesen ist, obschon es der einzige Ort war, meinen physikalischen Studien aus dem Weg zu gehen, so dass ich zeitweise täglich auf der Liegewiese des Paderborner Freibads gelegen bin und dort meine Liegewiesentherapie gepflegt habe, während meine Kommilitonen im Hörsaal verödeten. Ich quälte mich durch Bernhards Bandwurmsätze, Wiederholungen, Übertreibungen und typischen Bernhardismen, nicht ahnend, dass mir Bernhard schon bald der liebste Schriftsteller sein würde. Bernhards Stil ist ja der eingängigste, wenngleich auch der am leichtesten kopierbarste, wie man hier sieht, obschon die leichte Kopierbarkeit Bernhard merkwürdigerweise nichts von seiner Eingängigkeit und auch Schärfe nimmt. Die völlige Kompromisslosigkeit der Bernhardschen Angriffe ist wohl das, was viele seiner Kritiker abstößt und was uns faszinierte, dachte ich mir schon damals und jetzt wieder am Sonntag meinem Lesesessel. Wir waren ja im Grunde zwei Figuren Bernhards, nur dass wir nicht Atzbacher oder Auersberger hießen, sondern Müller und Colberg, aber wir benahmen uns genau so und sprachen auch genau so miteinander, auch nachdem wir uns nicht mehr täglich trafen, sondern nur noch im Internet begegneten, das damals gerade erst erfunden war. Im Computerraum der Physikalischen Fakultät bin ich gesessen und habe meine erste E-Mail an Jörg geschrieben und von meiner Lektüre der Auslöschung berichtet, die ich eben abgeschlossen hatte, um geradewegs mit Holzfällen zu beginnen, bald darauf mit dem Untergeher. Als solcher fühlte ich mich ja selbst, nicht gerade dem Suizid nahe, aber doch nicht besonders gut. Am Leben leiden konnten wir beide eben genauso gut wie Atzinger oder Auersbacher oder Wertheimer, wir machten die absurde Erfahrung, dass das Tragische irgendwann ins Lächerliche kippen kann und in jeder Tragödie eine Komödie steckt, im Leben wie in Bernhards Büchern. Irgendwann ist aus uns noch etwas geworden, nach gesellschaftlichen Maßstäben jedenfalls, was ja nichts anderes bedeutet, als dass man mit den Verhältnissen zurechtkam. Aber das Tragische, das Komische und das Absurde haben wir uns lang bewahrt, dank unserem gemeinsamen Freund und Lebensmenschen Thomas Bernhard.

© 2011 Frank Müller

Frank Müller, Jahrgang 1969, arbeitet in Bielefeld als Patentanwalt und findet neben seinem Beruf gelegentlich noch Zeit für freie Arbeit an Texten und Radiobeiträgen. Bis 2007 war er Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium«. Seit 2008 liest er seine Kolumnen regelmäßig im Rahmen der Sonntagsmatinee »Café…Lese…Lust« in der Herforder Stadtbibliothek. Sie finden weitere Texte von Frank Müller auch unter kolumnen.de

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