Lesegenuss in vollen Zügen
von Frank Müller
„Ich hasse das Reisen“ – so beginnt ein bekanntes Buch von Claude Lévi-Strauss. Ich habe es nicht gelesen und weiss deshalb nicht, wie Herr Strauss zu seinem Urteil gekommen ist. Vielleicht ist er viel mit der deutschen Bahn gefahren. Ein Regionalexpress hätte reichlich Stoff für seine ethnologischen Studien geboten, ich hätte ihm den RE 4331 von Düsseldorf nach Bielefeld empfohlen, der am Samstag Nachmittag die Fussballfans nach Hause fährt. Gefährlicher als eine Dschungelexpedition ist das auch nicht, und man lernt die Sitten, Bräuche und Gesänge anderer Völker kennen.
Die zivilisiertere Variante davon bietet ein ICE. Hier findet man in der Regel sogar die Ruhe, mal ein Buch in die Hand zu nehmen. Natürlich muss man das Mitteilungsbedürfnis der Leute tolerieren und dafür sorgen, dass man durch lautstarkes Umblättern der Seiten nicht die Handytelefonate der Mitreisenden stört, das wäre grob unhöflich. Es ist schliesslich ein Grundbedürfnis des Menschen anderen mitzuteilen, wo sie sich gerade befinden. „Wo ich jetzt gerade bin? Im Zug… Ach so, hinter Fulda… Was?… Du, die Verbindung ist ganz schlecht… jetzt kommt grad ein Tunnel… ich ruf dich gleich noch mal an.“ Wenn Sie die Strecke von Kassel nach Würzburg öfter fahren – und da gibt es viele Tunnel! – , wissen Sie wovon ich spreche. Die Bahn hat bestimmte Wagen ausgezeichnet, in denen man durch ein Piktogramm zur Ruhe ermahnt wird, damit man diese Leute nicht stört.
Trotz alledem ist ein Zug ein hervorragender Ort zu lesen. Das gemächliche Dahinschuckern des ICE durch eine Baustelle unterstützt wohl den Lesefluss. Kein Vergleich zu einem Flugzeug, in dem man ständig die Ellenbogen einziehen muss und bei Mitführen eines dicken Buchs im Handgepäck gleich verdächtigt wird, eine Bombe einzuschleppen. Vielleicht muss man neuerdings auch die Bücher in Plastiktüten einschweissen oder beim Check-In deklarieren, was man da liest, ich bin da nicht auf dem laufenden. Jedenfalls reist man in einem Flugzeug schneller, als der Kopf folgen kann.
Im Auto liest es sich auch nicht gut, als Fahrer erst recht nicht, obwohl es nicht mit Strafen belegt ist, wie etwa das Telefonieren mit dem Handy. Darf ich mit einem Buch am Ohr Auto fahren? Auch das weiss ich nicht. Auch für den Mitfahrer ist das Lesen keine Freude. Im Zug dagegen habe ich schon so manche schöne Lesestunde verbracht, während hinter dem Fenster die Rückseite der Kulissen der Welt an mir vorbeirauschte und der Minibarkeeper oder die ofenfrische Brezelverkäuferin für mein leibliches Wohl sorgten. Mich wundert, dass die Bahn diesen Genuss nicht durch geeignete Serviceangebote unterstützt und etwa einen Bibliothekswagen einrichtet, vielleicht sogar mit Reiseliteratur. Nur auf „Mord im Orientexpress“ sollte man verzichten, um die Nerven der Reisenden zu schonen.
Natürlich müsste das Personal mit geeigneten Durchsagen darauf aufmerksam machen. „Guten Tag liebe zugestiegene Gäste, hier spricht der Zugchef des ICE 934 „Siegfried Unseld“ von Frankfurt nach München. Im vorderen Zugteil zwischen dem Bistrowagen und der ersten Klasse befindet sich der Bibliothekswagen, in dem Sie der Bibliotheksleiter und seine Mitarbeiter gerne begrüßen. Sie erhalten Anschluss an Berthold Brecht, Martin Walser, Wolfgang Koeppen, Sten Nadolny und Uwe Timm. Im München erhalten unsere Reisenden nach Österreich Zugang zu Thomas Bernhard über Elfriede Jelinek… entschuldigen Sie, der Zugang zu Jelinek wird nicht mehr erreicht, stattdessen wartet an Bahnsteig 11 Peter Handke auf Sie. Oder probieren Sie einmal unsere Klassiker aus Deutschen Landen im Angebot: Zum Beispiel ein Schlegel Klopstock mit Hölderlin plus ein Radeberger Null Zwei für nur zwölf Euro fünfzig. Wir wünschen Ihnen weiterhin eine angenehme Fahrt, Sänk ju for träwelling wiss Deutsche Bahn, Gud Bei.“
Doch natürlich bleibt das ein Traum, und auch in der Post-Mehdorn-Ära präsentiert sich die Bahn weiter ohne Kulturangebot, so dass wir Selbstversorger bleiben und ausser einer Stulle und hartgekochten Eiern auch unsere Bücher selbst mitbringen müssen. Egal wo wir aussteigen, wir werden immer sagen können: Reisen bildet, und wer Bahn fährt, hat hinterher immer was zu erzählen.
© 2009 Frank Müller
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