Laterne, Laterne, Süßes oder Saures
von Frank Müller
Als zugezogener Katholik gibt es in Bielefeld einige Besonderheiten zu beachten, von denen ich als Paderborner Landbrot nicht wusste, dass sie existieren könnten. Insbesondere betrifft dies den sogenannten Martinstag, den 11. November. Als Kind zog ich an diesem Tag mit einer Laterne durchs Dorf und hatte als Achtjähriger schon genug Sinn für Ästhetik, um zu wissen, dass selbst gebastelte Laternen aus Pappmaché meistens hässlich sind, genau wie solche mit elektrischer Beleuchtung, die kamen damals in Mode.
Es gab einen staubtrockenen Stutenkerl, an dem das Leckerste die zwei Rosinenaugen waren und das Beste die Tonpfeife, und ein kleines Martinsspiel über den römischen Hauptmann, der seinen wertvollen Mantel mit einem Bettler teilt. Dem Bettler wird von den Räubern eins mit einer 1,5 Liter-PET-Flasche übergezogen, ich hatte schon erhebliche Zweifel, dass es so etwas zu römischer Zeit schon gab, was meine Bewunderung für die barmherzige Tat des Martin nicht schmälerte. Ich hatte eben ein Auge für Details, mir war ja auch schon aufgefallen, dass das goldene Buch vom Nikolaus ein mit Goldfarbe angemalter Kalender der Sparkasse war. Immerhin konnte ich schon einen Römerhauptmann von einem Räuberhauptmann unterscheiden, und der Martin hatte mich beeindruckt, auch wenn ich mir unter einem Heiligen nichts Rechtes vorstellen konnte, das ist bis heute so geblieben.
Es gibt auch eine Martinslegende, die von Gänsen handelt und bis heute zum Vorwand genommen wird, zum Martinstag Gänse zu verspeisen. Die Legende kenne ich nicht, wahrscheinlich liegt es daran, dass ich bis heute noch jede Gans versemmelt habe, die mir in die Röhre gekommen ist. Zu Gänsen also ist meine Beziehung schlecht, aber Sankt Martin ist für mich eine Art weltlicher Hausheiliger geblieben, der es mit dem Heiligsein irgendwie nicht so genau nimmt und deshalb auch angenehmerweise auf einen Märtyrertod verzichtet hat, den ich ästhetisch und weltanschaulich zweifelhaft finde.
In Bielefeld also wurde ich in äußerste Unsicherheit gestürzt durch den Brauch der Kinder, von Tür zu Tür zu gehen, ein Lied zu singen und um Süßigkeiten zu bitten. Das findet am Abend des 10. November statt, vereinzelt allerdings auch am 11. November. Komplett wird die Verwirrung, wenn man in Betracht zieht, dass nicht wenige Kinder schon am 31. Oktober, dem aus diversen Horrorfilmen bekannten Halloween, zu demselben Zweck umherziehen. Eine Bekannte teilte mir mit, dass dies damit zu tun habe, dass auch die Protestanten, die ja sonst relativ wenig zu feiern haben, einen Martinstag feiern.
Das kann einen getauften Katholiken natürlich nur empören, es kann nur einen geben, wie es im „Highlander“ heißt, und der heißt Martin von Tours. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal einen Heiligen mit solcher Vehemenz verteidigen würde, aber es wird wohl an der Erziehung auf einem Ordensgymnasium gelegen haben.
Der Martin der Protestanten heißt natürlich Martin Luther, der aus katholischer Sicht ja im Wesentlichen durch derbe Sprüche aufgefallen ist und skandalöserweise eine Nonne geheiratet hat, und die Sache mit der Kirchenspaltung ist ja auch keine Kleinigkeit. Nun ist der Martin-Luther-Tag, also der Reformationstag, ja am 31. Oktober, was erklären würde, dass die protestantischen Kinder dann von Tür zu Tür gehen, aber sie gehen ja wegen des Halloweens und nicht wegen Martin Luther, sondern am 11. November, was man als feindliche Übernahme des Martinstags durch einen Fremdmartin betrachten könnte.
Es ist also alles irrational, verstehen kann man das nicht. Aber es geht ja hier um Glaubensfragen, und da gibt es seit Kant nichts mehr zu beweisen. Ich denke einfach immer wieder an den Schimmel, auf dem in meinem Dorf seit 25 Jahren immer wieder derselbe Martinsdarsteller dem Martinszug voranreitet, die schief spielende Blaskapelle hintendran, dazwischen schief singende Kinder, abgefackelte Laternen, Stutenkerle und Süßigkeiten.
Zu uns kam eine Gruppe Halbwüchsiger, die ein Lied von Silbermond sangen, das fanden sie besser als die angestaubten Lieder von Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Für diese künstlerische Darbietung gab es von uns Applaus, ein Snickers und ein Bounty pro Laterne. Die Jugend ist eben nicht nur schlecht, sondern auch mal kreativ, und das, so fanden wir, sollte entsprechend gewürdigt werden. Praktischer wäre es, man würde sich auf einen Termin einigen, aber eher wird die Kirchenspaltung aufgehoben, und das werden wir wohl nicht mehr erleben.
© 2010 Frank Müller
Frank Müller, Jahrgang 1969, arbeitet in Bielefeld als Patentanwalt und findet neben seinem Beruf gelegentlich noch Zeit für freie Arbeit an Texten und Radiobeiträgen. Bis 2007 war er Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium«. Seit 2008 liest er seine Kolumnen regelmäßig im Rahmen der Sonntagsmatinee »Café…Lese…Lust« in der Herforder Stadtbibliothek. Sie finden weitere Texte von Frank Müller auch unter kolumnen.de
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