Fragen Sie den Experten

Kolumne von Frank Müller

Verehrtes Publikum. Ich spreche zu Ihnen heute nicht als Literat, sondern als Literaturexperte. Ich finde, das bin ich Ihnen und diesem Rahmen schuldig. Autor oder gar Schriftsteller war mir zu profan. Außerdem ist Sonntag, und hier steht ein Mikrofon, und wenn man sonntags ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt, wird einem viel Gehör geschenkt. Alltags sind zu viele wichtige Leute unterwegs, die einem die Schau stehlen. Sonntags kann man solche Sachen sagen wie: Über das Programm dieser Veranstaltung muss neu nachgedacht werden, und da darf es keine Denkverbote geben, denn was man denkt, das darf man auch aussprechen. Dieses Tabu muss einmal gebrochen werden.

Vielleicht werden Sie sich fragen, welches Tabu ich vielleicht meine – eine Lesung mit Goethe zu machen, war ja bisher nicht verboten. Aber glauben Sie mir: Spätestens, wenn mein Satz morgen in der Zeitung steht, sind Sie fest davon überzeugt: Jawohl, darüber muss man sprechen dürfen. Gut ist auch ein Dementi; Sie wissen schon, das ist eine Verneinung einer Frage, die niemand gestellt hat. Nein, ich trete nicht zurück. Wovon ist eigentlich egal, aber Sie werden es mir sowieso nicht glauben, spätestens, wenn ich es am Montag bekräftige. Oder besser noch: wenn ich dazu schweige, denn wer schweigt, hat etwas zu verbergen. Schlagzeile also am Montag: »Müller dementiert Rücktrittsgerüchte – Helm schweigt sich aus«. Dazu Fernsehbilder, wie Müller im Blitzlichtgewitter hinter den verdunkelten Scheiben seiner Limousine verschwindet.

Wie gesagt, ich bin also jetzt Experte. Früher musste man dazu einen Ehrendoktor einer entlegenen Universität in Südamerika kaufen, dieses Geld kann man sich heute sparen. Kaufen Sie sich lieber einen schicken Anzug, dann werden Sie als Kleiderständer zu Jauch, Beckmann, Plasberg, Illner, Will, Kerner, Lanz und Maischberger eingeladen. Nacheinander, wohlgemerkt. Der Preis dafür ist, dass Sie das Gerede der ganzen anderen Experten ertragen müssen, und das ist wirklich hart, denn die sind wirklich alle, alle dümmer als Sie.

Neulich konnte man bei Jauch sehen und hören, wie Jürgen Klinsmann uns »den Amerikaner« erklärt. Ich dachte noch, dass es vom Bäckergesellen über Fußballspieler zum Ethnologen eine beachtliche Karriere ist. Aber wie dumm von mir, der Klinsi weiß alles über den Ami, ha noi, der wohnt ja drübe bei dene da. Mindestens so viel der Herr Rösler über Griechenland weiß, also ich würde das nie in Frage stellen, der war sicher mal da und hat sich den Schlamassel angesehen und weiß als Arzt sicher auch, was Schlamassel auf Altgriechisch heißt, griechischer Salat sozusagen, und da darf es dann auch keine Denkverbote geben, die Griechen waren ja große Philosophen und hätten so einen Denkverbieter gleich vom Pantheon gejagt. Platon im altgriechischen Original hat der Herr Guttenberg ja auch immer seinen Soldaten vorgelesen, geholfen hat’s nix, aber Experte war der ja auch eher für Reproduktionstechnik.

Sehr gefragt sind jetzt Wirtschaftsexperten. Da können Sie sogar Weiser werden, oder Guru. Auf die Frage: »Steigt oder fällt der Dax?« können Sie als Wirtschaftsweiser antworten: »Der Markt bewegt sich seitwärts«, da weiß eh kein Mensch genau, was gemeint ist. Aber Sie dürfen den Markt natürlich nicht verunsichern, und da sagen Sie vielleicht: Der europäische Dachs, meles meles, ist ein Raubtier aus der Familie der Marder, seines Zeichens Höhlenbewohner und kann sehr schlecht klettern, mithin auch nirgendwo hin steigen, und deshalb fällt er auch nicht. Da haben Sie wenigstens nichts Falsches gesagt.

Was soll ich Ihnen also als Experte wünschen: Ich würde mal sagen: Als promovierter Frühstücksexperte mit Spezialgebiet Belegte Brötchen würde ich unser heutiges Büffet mit dem Rating »Triple A« bewerten, eine Herabstufung droht vorerst nicht. Michaels Vortrag kenne ich noch nicht, aber als Literaturexperte sage ich mal, dass Goethe immer Texte erstklassiger Bonität verspricht und damit auch keine Niveauausfälle drohen. In diesem Sinne wünsche ich viel Vergnügen.

© 2011 Frank Müller

Frank Müller, Jahrgang 1969, arbeitet in Bielefeld als Patentanwalt und findet neben seinem Beruf gelegentlich noch Zeit für freie Arbeit an Texten und Radiobeiträgen. Bis 2007 war er Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium«. Seit 2008 liest er seine Kolumnen regelmäßig im Rahmen der Sonntagsmatinee »Café…Lese…Lust« in der Herforder Stadtbibliothek. Sie finden weitere Texte von Frank Müller auch unter kolumnen.de.

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