Essen 2010: Endlich herrscht Ruhr

von Frank Müller

Bekanntlich ist in diesem Jahr das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt, oder besser gesagt, Essen, stellvertretend für das Ruhrgebiet. Ganz verstanden habe ich diese Konstruktion noch nicht, ich wollte im Internet nachschlagen und googelte also die Stichworte "Ruhrgebiet" – "Essen" – "Kultur". Nur boshafte Zeitgenossen würden vermuten, dass man als Ergebnis zwölftausend Links zu Currywurstbuden bekommt. Das ist ja auch gar nicht wahr und nur eines von ebenso vielen Ruhrpottklischees, obwohl Herbert Grönemeyer über die Currywurst im gleichen Atemzug genuschelt hat wie über seine Heimat Bochum, aus der er kommt und an der er hängt, und Grönemeyer wird schließlich geschätzt als Verkünder unzweifelhafter seelischer Befindlichkeiten.

Das Klischee ist ein Zerrbild der Wirklichkeit, und obwohl es häufig sehr unterhaltsam ist, sollte man sich davon verabschieden. Die Berichterstattung über RUHR.2010 bietet dazu reichlich Gelegenheit. Das Ruhrgebiet bietet mehr als Currywurst und Fußball. Vor kurzem las ich, dass das "Dortmunder U" saniert und wieder eröffnet worden sei. Erfreut nahm ich zur Kenntnis, dass die Alphabetisierung der Stadt damit als abgeschlossen betrachtet werden kann, nachdem zuvor schon der Vokal "O" über den Ruhrschnellweg in die Westfalenhalle gerollt und dort feierlich eingeweiht wurde. Vorher war der Name der Stadt praktisch unaussprechlich: "Drtmnd". Auf das "O" und das "U" blicken die Bielefelder seither mit Neid.

Vielen unbekannt ist immer noch die Tatsache, dass das Ruhrgebiet als kulturelle Wiege Europas betrachtet werden muss. Jüngere archäologische Forschungen haben ergeben, dass der Trojanische Krieg nicht in Kleinasien stattgefunden hat, sondern unzweifelhaft auf der Glückauf-Kampfbahn in Gelsenkirchen-Schalke. Neue Funde, wie etwa bronzezeitliche Fußballstollen, unterstützen diese These. "Singe, Göttin, den Zorn, / Ernst dem Kuzzorra sein Sohn" ist außerdem ein blütenreiner Hexameter, wie Homer ihn nicht besser hätte klöppeln können. Troja hatte zwei Tore, genauso viele wie Athen, und musste deshalb in die Verlängerung, in der "Ente" Lippert den entscheidenden Treffer gegen Agamemnon machte. Diese Version ist, zugegeben, noch umstritten.

Noch ältere Höhlenmalereien in den Stollen der Zeche "Consolidation" zeigen Jagdszenen auf Anhänger unterschiedlicher Fußballvereine und Bacchanalien an Ausschankhöhlen, die als eine Urform der Trinkhalle zu betrachten sind. All das sind Ergebnisse einer Jahrtausende alten Ruhrgebietskultur, die von einem einzigartigen Menschenschlag gepflegt wird. Bekanntlich lebt der Ruhrpottbewohner seit jeher gesellig als so genannter "Kumpel" in größeren Kolonien, die in ausgedehnten unterirdischen Gangsystemen zu Hause sind. Bei Gefahr verschwinden die Kumpel blitzartig in ihren Fluchttunneln. Die Männchen verpuppen sich nach der Geschlechtsreife und schlüpfen später als Fußballspieler, die in ihrem bunten Balzkleid ausschwärmen und alle Welt mit ihrem munteren Spiel erfreuen.

Von all dem sieht man natürlich nichts, wenn man nur die Lärmschutzwände der Autobahnen entlangrast. Es lohnt sich also einmal Rast zu machen, wie zum Beispiel beim Picknick auf der A 40, das ja auch eine Veranstaltung der RUHR.2010 ist. Schauen wir also doch mal vorbei im Ruhrpott, um zu hören, was Gott schon sagte, als er das Ruhrgebiet erschaffen hatte: "Essen ist fertig!"

Frank Müller, Jahrgang 1969, arbeitet in Bielefeld als Patentanwalt und findet neben seinem Beruf gelegentlich noch Zeit für freie Arbeit an Texten und Radiobeiträgen. Bis 2007 war er Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium«. Seit 2008 liest er seine Kolumnen regelmäßig im Rahmen der Sonntagsmatinee »Café…Lese…Lust« in der Herforder Stadtbibliothek. Sie finden weitere Texte von Frank Müller auch unter kolumnen.de
 

< zurück