Ein Museum ohne Ausgang
Ein Gang durch das Nussbaum Museum in Osnabrück
Ein Radiobeitrag von Michael Helm
Eine Metallbrücke zerschneidet den hoch aufragenden, länglichen Betonbau des Nussbaum-Museums und zerteilt den schmalen, quaderartigen Bau in zwei sehr ungleiche Teile: rechts der Brücke verbleibt ein hoher Turm wie abgeschnitten vom restlichen Bau. Ich betrete ihn: Leere, Dunkelheit. Ich komme mir verloren vor. Ein unangenehmes Gefühl der Einsamkeit und Enge. Von der Metallbrücke aus nach links zu gehen bedeutet, das Museum durch eine schwergängige Metalltür zu betreten. Man findet hier einen kleinen Hinweis: Museumseingang. Doch auch Besucher, die das Nussbaum-Museum verlassen, kommen mir an dieser Tür entgegen. Der Architekt Daniel Libeskind nannte den Bau »Museum ohne Ausgang«.
Im Museum in Osnabrück sind die Werke des 1904 in der Stadt geborenen Malers Felix Nussbaum ausgestellt, der 1944 von den Nationalsozialisten verfolgt und in Auschwitz ermordet wurde, weil er Jude war.
Ich betrete das Gebäude und mich überkommt sofort eine unbestimmbare Verwirrung. Sie findet gleichsam in dem Hinweis des Museumspersonals Ausdruck, wie ich das Gebäude in chronologischer Abfolge zu begehen hätte, ohne, dass dies wirklich zu meiner Orientierung beitragen würde. Ich versuche dem Ratschlag zu folgen. Erst im Aufsteigen in das Gebäude, hinauf in die beengenden Gänge, vorbei an seinen Winkeln und Nischen, wieder umkehrend in den bald endenden Sackgassen, beginnt mir klar zu werden, worauf ich mich hier eingelassen habe. Ich betrete die Gänge und gleichsam sinnbildlich die Zerrissenheit und Zersplitterung im Werdegang einer menschlichen Existenz.
Am Ende der Ausstellung – hier hängen Bilder, die Felix Nussbaum 1943 kurz vor seinem Tod gemalt hatte – stehe ich endgültig in einer Sackgasse: kein Ausgang! Man muss umkehren. Der Eingang, wird zum einzigen Ausgang. Ein Museum ohne Ausgang.
In allem – in der Architektur, in der Präsentation der Bilder, auch in der teils düsteren Ausleuchtung, selbst in der Anlage der Fenster, die wie Schlitze die Wände zerreißen – ist das Museum symbolhaft gestaltgewordener Schicksalsweg Felix Nussbaums.
Die drei Hauptteile des Gebäudes sind in Material, Farbigkeit und Form, innen wie außen zu unterscheiden. Der größte Teil, der Haupttrakt, ist in deutschem Eichenholz verkleidet und orientiert sich in Richtung »Alte Synagogenstraße«. Hier befand sich bis zur Reichspogromnacht 1938 die Synagoge. In spitzem Winkel geht der fensterlose »Nussbaumgang« aus Beton davon ab. Das Licht in den schmalen, treppenlosen Aufgängen, die sich darin auf mehreren Etagen befinden, ist spärlich. Die Bilder Nussbaums hängen fast im Düstern. Der »Nussbaumgang« ist auf das »braune Haus« ausgerichtet, die Villa Schlikker, in der die NSDAP von 1933-1945 ihren Sitz hatte. Die mit Zinkblechen beschlagene »Nussbaumbrücke«, der dritte Gebäudeteil, verbindet die beiden anderen zu einer Art Dreieck, welches einen offenen Innenhof umgibt. Außerdem verbindet die Brücke den neu entstandenen Teil des gesamten Museumskomplexes mit dem alten Nussbaumhaus.
Beim Begehen des Museums und des Lebens von Felix Nussbaum habe ich das Gefühl mich in einer zunehmend, auch durch die Architektur hervorgerufenen Orientierungslosigkeit zu verlieren. Sie drückt sich chronologisch fortschreitend auch in den Bildern des Malers aus.
Es wird kein erbaulicher Museumsbesuch. Eine Lebenssuche ohne Ende, die gleichfalls in absurder Weise ihr abruptes Ende in einer Sackgasse findet. Hier ist nicht das Erleben eines Malers dargestellt, das sich um die Mitte des sich selbst Begreifens, eines sich Findens oder zumindest sich Wiederfindens bewegt. Ich irre durch Leben und Werk, ohne einen zentralen Punkt derselben zu erreichen. Die eigentliche Mitte des Museums liegt in dem dreieckigen Innenhof, also genaugenommen außerhalb.
Die innere Struktur der Räume ist teils so angelegt, dass man in Sackgassen und spitzen Winkeln umkehren muss, weil es dort nicht weitergeht. Während man nach einem Ausweg sucht, muss man erneut abbrechen oder stößt auf unvorhersehbare Abzweigungen.
Dabei ist die Architektur vielleicht nicht nur »Bedeutungsträger« einer besonderen individuellen Existenz und ihrer ausdrücklichen Kunst. Ist sie nicht auch Sinnbild der Existenz eines modernen Menschen allgemein, in seiner Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit? Die Architektur des Gebäudes erfüllt nicht nur eine museale Funktion, sondern ist selbst Träger narrativer Elemente und symbolischer Darstellungen. Die Museumsarchitektur und der Museumsinhalt bilden eine ungewöhnliche, künstlerische Einheit, die auch ein ungewöhnliches Empfinden der Kunst und des Lebens Nussbaums nach sich zieht.
© Michael Helm 2004
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