Der Sternenhimmel im November
Kolumne von Frank Müller
Ich weiß nicht, ob Sie sich für Astronomie interessieren. Sie wissen schon, Sternkunde, nicht zu verwechseln mit Astrologie, das ist die Sache mit den Horoskopen, oder Gastronomie, das ist die Wissenschaft vom Auswärts Frühstücken.
Ich habe mich als Kind schon für die Sternbilder interessiert, und meine erste Sternkarte habe ich aus der Rückseite einer Cornflakes-Packung ausgeschnitten, womit wir wieder beim Frühstücken wären. Allerdings habe ich erst einmal gar nichts gesehen und ratlos abwechselnd auf die Karte und in den Himmel geguckt, bis Mama rief, ich soll endlich reinkommen und die Verandatür zumachen, und dann ab ins Bett.
Später habe ich gelernt, dass die Linien, die auf den Sternkarten die Sterne verbinden und einem beim Erkennen der Sternbilder helfen sollen, in Wirklichkeit aber gar nicht zu sehen sind, die muss man sich also dazu denken. Wenn man das aber gelernt hat, ist es ganz einfach, bestimmte Sterngruppen im Geiste zu Bildern zu formen. Interessant ist übrigens, dass verschiedene Kulturen zwar unterschiedliche Sternbilder gekannt haben, aber häufig die gleichen Sterne einem Bild zugerechnet haben. Die Sumerer hatten also auch einen Tierkreis, also nur mit anderen Tieren als die Griechen, zum Beispiel.
Im Laufe der Zeit sind auch Bilder hinzugekommen, auf dem Südhimmel haben die europäischen Entdecker die neuesten Erfindungen verewigt, da gibt es ein Mikroskop und eine Pendeluhr. Erfreulicherweise ist man von dieser Praxis abgekommen, sonst gäbe es da sicher auch eine Colaflasche, ein iPhone und einen Atomreaktor.
Die Sterne sind immer das, was man in ihnen sieht, und ich meine, man muss auch die Sternsagen zeitgemäß interpretieren. Zum Beispiel gibt es da den Stier, der Europa über das Meer entführt. Heute meine ich da in klaren Nächten, statt der schönen Königstochter, ein paar schwere Geldsäcke auf dem Rücken des Stiers zu erkennen. Wohin er sie wohl trägt? In ein Schwarzes Loch vielleicht? Deutlich zu sehen auch das Haupt der Merkeldusa, die an einen Schuldenberg an den Gestaden der Ägäis gekettet ist und ihr schreckliches „Non! Non!“ über die Wellen erschallen lässt. Wer immer es hört, erstarrt zur Stein, so auch der dunkelhäutige Atlas, der das westliche Ende der Welt auf seinen Schultern stemmt und „God knows“ andere Probleme hat. Wird vielleicht ein Herkules sie befreien, nachdem er den Augiasstall der Spekulanten ausgemistet hat? Im Vergleich dazu war Sysiphos’ Aufgabe ein Kinderspiel. Die Kommission der Götter hat dazu ein Gipfeltreffen anberaumt, zu dem selbst Apoll, der Leuchtende Gott der Schönen Künste, aus seiner französischen Wahlheimat erschienen ist, wo er die Nymphe Carla und seinen neugeborenen Nachwuchs zurücklassen musste. Währenddessen irrt Odysseus über den Ozean, stopft sich Wachs in die Ohren und lässt seine Gefährten ein Referendum darüber abhalten, ob man sich lieber Skylla oder Charybdis ausliefern soll. Zur Strafe werden sie dafür von den Göttern in Schweine verwandelt und ihr Rating heruntergestuft. Der greise Seher, Helmut Schmidt, rollt im Kleinen Wagen den Ereignissen hinterher und hüllt sich in einen faszinierenden Gasnebel. Im Orion, der in den Winternächten den Südhimmel beherrscht, erkennen wir ganz leicht den Großen Cavaliere, der von den gnädigen Göttern ans Firmament verbannt wurde, um im ewigen Kreislauf der Gestirne den blutjungen Plejaden hinterher zu jagen und sie doch nie zu erreichen.
Doch irgendwann gehen sie alle unter, Eos die Rosenfingrige lässt den Himmel erröten und im Osten die Sonne aufgehen, und alle werden verblassen, bis wir dann endlich die chinesischen Tierkreiszeichen gelernt haben. Eins weiß ich schon: Wir leben im Jahr des Affen, so oder so.
© 2011 Frank Müller
Frank Müller, Jahrgang 1969, arbeitet in Bielefeld als Patentanwalt und findet neben seinem Beruf gelegentlich noch Zeit für freie Arbeit an Texten und Radiobeiträgen. Bis 2007 war er Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium«. Seit 2008 liest er seine Kolumnen regelmäßig im Rahmen der Sonntagsmatinee »Café…Lese…Lust« in der Herforder Stadtbibliothek. Sie finden weitere Texte von Frank Müller auch unter kolumnen.de.
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