Der Name der Rose

von Frank Müller
 

Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus -
Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen.

Mit sechzehn lag ich im Krankenhaus. Ich musste mich einer Augen-OP unterziehen. Das klingt schlimmer als es war, eigentlich eine harmlose Sache, vor der ich keine Angst hatte, sondern das Vertrauen desjenigen, der nicht weiß, was einem im Leben so alles passieren kann. Ich lag in meinem Bett, zählte die Pitzelchen in der Rauhfasertapete und wusste, ich würde unter der Narkose einschlafen und  beschwerdefrei wieder aufwachen. Die Sache war mir eher lästig, vor allem die Langeweile eines Krankenhauszimmers mit zwei unbelegten weiteren Betten. Handys und Laptops waren noch nicht erfunden, und so blieb mir zum Zeitvertreib nur ein Buch.

Vom „Namen der Rose“ hatte ich zuerst von meinem Deutschlehrer gehört, der so klug war, es nicht direkt zu empfehlen, sondern lieber von der Gelehrtheit dieses Romans schwärmte, die ganz umstandslos im schlichten Gewand eines mittelalterlichen Krimis daherkam. Bei seinen geneigten Schülern fiel diese Begeisterung auf fruchtbaren Boden. Krimis mochte ich damals schon nicht, schlaue Bücher aber sehr wohl. Andererseits war ich ja noch ein Novize der Literatur, so wie auch der Erzähler des Buches, Adson von Melk, ein Novize war, und ich hatte meine Lektüre wohl aus einem Instinkt heraus gewählt, den ich damals erst zu entwickeln begann. Ich ahnte, es musste noch etwas anderes geben als die Buchklubausgaben von Konsalik, die im Schrank meines Onkels vor sich hinstaubten, die Reclamheftchen des Schulunterrichts oder die „Burg Schreckenstein“-Bände, die wir in der Pause tauschten.

Ein fantastisches Monster hatte ich mir da zugemutet, das war mir schon schmerzhaft bewusst, als ich mich durch das Vorwort quälte, das für mich völlig unverständlich war (und von welchem ich gleich die Hälfte großzügig ignorierte). Andererseits: wie herrlich elegant ist doch ein lateinischer Satz, den man nicht selbst übersetzen muss! Fantastisch war sie wirklich, die ferne und archaische Welt, die Umberto Eco da vor mir ausbreitete, dieses Bestiarium der menschlichen Natur, dessen Vielfalt ich nur erahnte. All die Ketzer, die sich in diesem Buch herumtrieben, bildeten einen schönen Gegensatz zu den katholischen Ordensschwestern, die mich morgens zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett rissen und mir am späten Nachmittag das Abendbrot brachten. (Zum Glück gab es niemals Blutwurst.)

Meine Krankenhausroutine hatte sich längst der klösterlichen Zeitrechnung angeglichen: zur Prima gab es Frühstück, zur Sexta Mittag, und dazwischen kam der Abt, pardon, der Chefarzt zur Visite. Nebenbei bemerkt, bildete das Bauernmädchen, das im Buch eine nicht unwesentliche Rolle spielt, für einen Sechzehnjährigen eine interessante Abwechslung zu den ältlichen Krankenschwestern, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Tag der OP nahte, und ich fraß gierig ein Kapitel nach dem anderen. Es half nichts: noch bevor Bruder Berengar auf dem Obduktionstisch Williams von Baskerville landete, hieß es: „Herr Müller, sind Sie soweit?“ Ich war soweit.
Als ich aufwachte, hatte das Skalpell einen Tag aus meinem Leben herausgeschnitten. Wie Blei lag meine Stirn unter dem Augenverband, der erst viel später entfernt wurde und einen verschwommenen Blick freigab auf die fleckige  Zimmerdecke. Doch in der Rauhfaser sah ich nun die Fresken einer Klosterkirche, und der Gesang der Vögel vor meinem Fenster verhieß einen Frühling, der schöner war als das verquollene Gesicht, das ich durch meine entzündeten Lider im Spiegel sehen konnte. Eine schwarze Zunge wie die ermordeten Mönche hatte ich aber nicht, und das Weiterlesen würde mir sicher keinen Schaden bereiten. Ich würde meine geschliffenen Augengläser zur Hilfe nehmen und sogar später – was anno domini 1986 niemand glauben mochte! – diesen Text mit Hilfe eines instrumentum computatorium schreiben, von dem schon Bruder William geträumt hat. Und von dem Buch, das ich damals las, blieb mir viel mehr als nur sein nackter Name.

Frank Müller, Jahrgang 1969, arbeitet in Bielefeld als Patentanwalt und findet neben seinem Beruf gelegentlich noch Zeit für freie Arbeit an Texten und Radiobeiträgen. Bis 2007 war er Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium«. Seit 2008 liest er seine Kolumnen regelmäßig im Rahmen der Sonntagsmatinee »Café…Lese…Lust« in der Herforder Stadtbibliothek. Sie finden weitere Texte von Frank Müller auch unter kolumnen.de
 

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