Claude Simon
Zum Todestag des französischen Schriftstellers
am 06. Juli 2005
Ein Radiobeitrag von Michael Helm
Hörbar: Claude_Simon [ogg-Datei | 4 MB]
Die Audiodateien liegen im Ogg-Vorbis-Format vor, das von den meisten Playern abgespielt werden kann (etwa ‘Windows Media Player’ ab Version 11 oder vom kostenlosen ‘Winamp’, externe Downloadmöglichkeit hier).
17. Mai 1940. Die drei letzten Überlebenden eines französischen Kavallerieschwadrons irren nach der verheerenden Schlacht mit einer deutschen Panzereinheit durch Flandern. Plötzlich das Aufflackern eines deutschen MGs: Das letzte Aufbäumen des Reiters an der Spitze. Das Pferd steigt in die Höhe und wie in einem Reflex gefangen, zieht der Rittmeister seinen Säbel und streckt ihn in den Himmel. 17. Mai 1940.
Ein einziger Moment, eine Gegenlichtaufnahme, in der die Farben verblassen, wie ein Gedanke, später eine Erinnerung. Als ob Pferd und Reiter im Moment dieses grausamen Todes zur Statue erstarrten, aus ein und demselben Material gegossen, dem zähen Stoff der Erinnerung, der nicht zerreißen wird.
Um dieses Bild kreist der französische Autor Claude Simon wieder und wieder in seinen Romanen, aber besonders eindrucksschwer in »Die Straße in Flandern«. Es ist, als schriebe er diese einzelne Szene zigmal von neuem. So wie Giacometti sein Leben lang versuchte ein Gesicht darzustellen, so erscheint das Werk Claude Simons wie ein ewiges Ringen um einzelne Bilder, die sich aus seinen Büchern wie Plastiken herausschälen. Ein Akt der Unmöglichkeit, denn »die Beziehung zwischen Welt und Sprache ist und bleibt unscharf«, wie er es selbst ausdrückte.
Claude Simon wurde 1913 auf Madagaskar geboren. Den Versuch, sich als Maler ausbilden zu lassen, brach er früh ab, stattdessen wurde er wie der Vater Berufsoffizier, kämpfte im spanischen Bürgerkrieg, geriet im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft, ging in den Untergrund, schloss sich der Résistance an, wurde schließlich Weinbauer und begann zu schreiben.
Sein späteres Werk, dass in erster Betrachtung gerne dem »nouveau roman« zugeordnet wird ist stilistisch betrachtet eine Leseherausforderung. Die Sätze winden sich seitenlang über das Papier, sich in immerwährenden Verschachtelungen verschachtelnd, und ziehen den Leser in einen kaum einmal innehaltenden Erinnerungsstrom, aus dem die Bilder emporsteigen, wie jener zu Beginn geschilderte letzte Moment im Leben des französischen Kavallerieoffiziers, bevor er vom Kugelhagel des deutschen MG-Schützen niedergerissen wurde. Doch hat man sich einmal dem Strom seiner Gedanken anvertraut, folgt man zunehmend einer der Wortfolgen Simons eigenen Melodie. Die Sätze sind bis in den letzten Ton wohl komponiert. Was im Kopf verbleibt sind weniger Wortkonstruktionen, als die Bilder, die sie erzeugten. Häufig haben diese Bilder einen autobiographischen Zug. Der Erzähler in »Die Straße in Flandern« erinnert nicht von ungefähr an den Autoren Simon. Seine Sprache wird zur Sprache des sich Erinnerns und zieht den Leser hinein in diesen Erinnerungsgang.
Ein fotographisches Selbstporträt Claude Simons, das er besonders schätzte, zeigt den Autor als bloßen Schatten auf einer vom milden Abendlicht überzogenen Mauer. Es erinnert mich an den Schreitenden von Alberto Giacometti. Der Schatten ist das Abbild der Figur an der Wand. Solche Bilder scheinen es immer wieder zu sein, die einem, aus den unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, im Werk Claude Simons gegenübertreten. Schattenbilder von Menschen und Ereignissen der Geschichte und ihren Geschichten, in Abhängigkeit vom Licht, das ihr Umrisse nachzeichnet.
Der 1985 mit dem Literaturnobelpreis bedachte französische Autor Claude Simon ist am 6. Juli dieses Jahres im Alter von 91 gestorben. Seine literarisch außergewöhnlichen Bücher werden mir wie der Schatten dieses Autors lebhaft in Erinnerung bleiben.
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