Als Kriege noch Kriege hießen

Kolumne von Frank Müller

»Empörung ist für einen Politiker der schwerste Schritt, den er unternehmen kann, und der arabische Aufstand war ein so gewaltiges Hasardspiel, dass man über Erfolg oder Misslingen nichts voraussagen konnte. (Nach) dem Sieg kam eine trübe Zeit der Enttäuschung und darauf eine Nacht, in der die Kämpfenden erkennen mussten, dass alle ihre Hoffnungen sie im Stich gelassen hatten.« [1]

Ich hatte den Radiowecker auf drei Uhr morgens gestellt. Ich gierte nach Nachrichten; wir alle taten das. Die Invasion war für diesen Tag, diese Stunde angekündigt worden, und niemand von uns hatte Zweifel daran, dass sie stattfinden würde. Angst hatten wir, das war unser prägendes Gefühl: eine ungefähre, irrationale Angst, 4000 Kilometer von Kuwait City entfernt, unerreichbar durch die Scud-Raketen Saddam Husseins, der auf CNN nur noch »Crazy Saddam« genannt wurde. Unsere Köpfe konnten sich nicht an einen Krieg gewöhnen, in einer Zeit, in der Kriege noch Kriege genannt und zwischen Armeen geführt wurden.

Wir diskutierten darüber, das hatten wir gelernt, sogar mit unserem Dozenten, den wir dazu überreden wollten, die wichtige Klausur am Samstag zu verschieben. Der Professor, ein Achtundsechziger in Jeans und Holzfällerhemd, setzte sich auf das Pult, hörte uns aufmerksam zu und erklärte, er kenne arabische Kollegen, die auch im Sechs-Tage-Krieg gegen Israel noch weiter gearbeitet hätten. Daran müsse man sich gewöhnen. Wir wussten, er verstand uns, und er hatte recht, und doch gab es etwas in uns, das aufbegehrte. Wir spürten: es war unrecht. Auch ein gerechter Krieg ist, auf seine Weise, immer ein Unrecht. Das musste auch unser Dozent doch wissen; der hatte noch gegen Vietnam demonstriert. Erklären konnte er es uns nicht. Murrend verließen wir den Hörsaal und verabredeten uns für die große Demo im Bonner Hofgarten.

Wer wusste auch schon wirklich, um wen oder was es dort wirklich ging. Um Öl, sagten viele. Vielleicht, wahrscheinlich; das war die einfachste Antwort, und auch die schnellste, unter uns Studenten unverdächtigste: gerade das machte sie unbefriedigend für mich. Was waren das für Menschen, für die man dort vornehmlich kämpfte?

Im letzten August war mir in einem Antiquariat eine Ausgabe der „Sieben Säulen der Weisheit“ von Thomas Edward Lawrence in die Hände gefallen, auch bekannt als »Lawrence von Arabien«. Er beschreibt darin autobiografisch, wie er im Ersten Weltkrieg den Aufstand der arabischen Stämme gegen die Osmanen organisiert. Ich empfand es als meinen persönlichen Sieg, mich durch die über achthundert Seiten gekämpft zu haben; Lawrence muss zweifellos ein Verrückter gewesen sein, ein Getriebener, er hatte sein Manuskript beim Umsteigen auf einem Bahnhof verloren und dann binnen drei Monaten komplett neu geschrieben, 250.000 Worte. Manisch und fiebrig wird er auch in dem gleichnamigen Film von Peter O'Toole gespielt, neben Anthony Quinn als wildem Stammesfürsten.

Natürlich war das nur ein Heldenepos, nicht historische Wahrheit, aber die Araber in diesem Buch waren für mich fassbarer und näher als der undurchsichtige Austauschstudent auf der Etage meines Studentenwohnheims, der nachts schlaflos rauchend in der Gemeinschaftsküche saß. Lawrence war zuallererst Wissenschaftler, kein Politiker, und folgerichtig beginnt er sein Werk mit der Feststellung, wer eigentlich Araber ist, oder besser gesagt: mit der Schwierigkeit dieser Definition. Es ist die Sprache, die die Gemeinsamkeit der arabischen Völker schafft. War das die gutturale Sprache, in der Mesud nachts leise und sehnsuchtsvoll in der Küche vor sich hin sang? Kannten die Bewohner von Bagdad und Kuwait die gleichen Lieder? Auch Lawrence war ein Fremder in dieser Welt, er war sich dessen bewusst, doch sein Schlüssel zur arabischen Kultur waren Zurückhaltung und Anpassungsfähigkeit. Er wurde zu einem der Ihren, teilte ihren Traum, und zu spät merkte er, dass er selbst nur ein Werkzeug einer größeren Sache war.

Später, als am Golf schon die Ölfelder brannten, saß ich an meinem Schreibtisch über den viel zu schweren mathematischen Beweisen, und mein Blick ging stattdessen direkt auf den Rhein hinaus; immer wieder ließ ich den Stift sinken und sah den Kähnen zu, die mit leisem Tuckern durch mein Sichtfeld zogen, bis es dämmerte. Der Fernseher in meinem Rücken zeigte grisselige Bilder mit Fadenkreuzen, stumme Explosionen, grüne Leuchtspuren in der Finsternis. Ein Himmel aus Tausendundeiner Nacht sah anders aus, und wohl auch der, unter dem Lawrence und seine Gefährten ihr Lager aufgeschlagen hatten.

»Wir ließen uns auf den Palmenblättern nieder, die ringsum den Raum bedeckten. Der Tag in dem stickigen Tal war glühend heiß gewesen; einer nach dem anderen sanken wir, Seite an Seite, zurück; und das Summen der Bienen in den Gärten draußen und der Fliegen drinnen, die unsere verhüllten Gesichter umkreisten, lullte uns in Schlaf.« [1]

[1] Alle Zitate aus: T.E. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, dtv, 1979.

© 2011 Frank Müller

Frank Müller, Jahrgang 1969, arbeitet in Bielefeld als Patentanwalt und findet neben seinem Beruf gelegentlich noch Zeit für freie Arbeit an Texten und Radiobeiträgen. Bis 2007 war er Redakteur des Hörfunkmagazins »Literadium«. Seit 2008 liest er seine Kolumnen regelmäßig im Rahmen der Sonntagsmatinee »Café…Lese…Lust« in der Herforder Stadtbibliothek. Sie finden weitere Texte von Frank Müller auch unter kolumnen.de.

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