»Verstreute Fragmente«
Erinnerungsbilder des Schriftstellers Jorge Semprún
Radiofeature von Michael Helm (2007)
Bürgermedienpreis für Radiofeature
In der Kategorie »Innovative Umsetzung« ging der erste Preis des LfM-Bürgermedienpreises 2007 an das Radiofeature: »Verstreute Fragmente – Erinnerungsbilder des Schriftstellers Jorge Semprún«
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»Verstreute Fragmente«
Erinnerungsbilder des Schriftstellers Jorge Semprún
Heute hört man wieder die Vögel. In einem seiner Bücher schreibt Jorge Semprún, dass man keine Vögel mehr hörte – damals 1944 -´45 auf dem Ettersberg bei Weimar. Die Ausdünstungen, der Gestank des Krematoriums, das hatte die Vögel in Buchenwald vertrieben. In seinem Buch hat er sich gefragt, ob sie irgendwann in den Wald am Ettersberg zurückkehren würden…
Als ich die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald besuchte, hörte ich als erstes die Vögel. Am Bahnhof stehend sieht man noch einen Teil der Rampe. Ein Schienenstrang ist in Schülerprojekten rekonstruiert worden. Später kamen die Häftlinge in den Waggons hier an. Zu Beginn lief alles noch über den Weimarer Hauptbahnhof, dann in Märschen hier herauf zum Ettersberg über die so genannte »Blutstraße«. Sie musste von den Häftlingen selbst gebaut werden 1937, wie das ganze Lager Buchenwald. Heute ist alles von Bäumen umgeben. Linker Hand, wo jetzt der Wald steht, waren die Gustloff-Werke II, Rüstungsbetriebe. Ein paar vermooste Fundamentstücke sind noch zu erkennen. Sonst ist alles überwachsen. Die Bäume müssen jetzt so an die sechzig Jahre alt sein.
»Die Schiebetür des Waggons öffnete sich, wir hörten deutlich das wütende Bellen von Hunden. Wir standen im grellen Licht der Scheinwerfer, die einen Bahnsteig beleuchteten.« 1
So beschreibt es Jorge Semprún in seinem Buch »Schreiben oder Leben«. Man geht über den »Carachoweg«. Über diese Straße wurde die Häftlinge von der SS vom Bahnhof Buchenwald ins Lager getrieben: auf der einen Seite die ehemalige Tankstelle, die Truppengaragen. Etwas weiter drüben sieht man die noch stehenden SS-Kasernen. Heute sind es Museumsanlagen. Rechts und links des Carachowegs befinden sich noch Reste der SS-Kommandantur. Auf den beiden Gehsteigen müssen die SS-Leute gestanden haben, mit Schlagstöcken, mit Hunden. Man kann sich das vorstellen, wenn man es sieht.
»Wir verließen den Bahnhof, in Fünferreihen, im Laufschritt. Wir befanden uns auf einer breiten, von hohen Lampen beleuchteten Straße. Säulen, auf denen in regelmäßigen Abständen Hitler-Adler hockten.« 2
Von hier sehe ich bereits das Torgebäude. »Jedem das Seine«, das sind die Worte, die über dem Gittertor stehen, noch heute. Die Elektrozäune, die Stacheldrahtanlage, die zwei Wachtürme, die noch stehen. Links im Torgebäude der Bunker, die Arrestzellen, Folterkammern. Dahinter ein riesiger freier Platz, leicht abschüssig, bis zum Waldrand. Konzentrationslager Buchenwald – heute die Gedenkstätte Buchenwald. Auf dem Appellplatz: Die Baracken lagen dahinter. Es sind nur noch die Umrisse zu erkennen. Rechts das Krematorium, der Schornstein. Beides erhalten, beides extra für Buchenwald 1940 gebaut. Blickt man quer durchs Lager sieht man ganz unten rechts das große Gebäude: die Effektenkammer. Das Desinfektionsgebäude befindet sich daneben.
Dort setzte sich der Leidensweg der Deportierten fort, wenn sie hier angekommen waren.
»Zum Schluß mußte er nackt, überall geschoren, geduscht, desinfiziert, verstört vor den deutschen Häftlingen gestanden haben, die unsere Personalkarten ausfüllten.« 3
Dies ist auch der Weg, den der Schriftsteller Jorge Semprún zurücklegen musste, als er 1943 in das Konzentrationslager Buchenwald in Weimar deportiert wurde. Semprúns literarische Arbeiten sind ohne diese Erfahrung der KZ-Haft von 1943 bis zum 11. April 1945, der Befreiung des Lagers, nicht denkbar. Seine Bücher drehen sich um die Lagererfahrungen, die Erinnerungen und die Spuren, die Buchenwald in ihm hinterlassen hat. Mit seinen Büchern legt Semprún nicht nur ein historisches Zeitzeugnis ab, sondern verarbeitet in künstlerisch-literarischer Form, was durch die Betrachtung der Fakten allein schwer zu verstehen zu sein scheint.
»Ich kann mir vorstellen, daß es eine Fülle von Zeugnissen geben wird… […] Alles darin wird wahr sein… außer daß die wesentliche Wahrheit fehlen wird, an die keine historische Rekonstruktion herankommen wird, so vollkommen und allgemeinverständlich sie auch sein mag… […] Die andere Art des Verstehens, die grundlegende Wahrheit der Erfahrung, die läßt sich nicht wiedergeben… Oder vielmehr nur durch das literarische Schreiben… « 4
schreibt Jorge Semprún in seinem Buch »Schreiben oder Leben« 1994, fast fünfzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Der in Paris lebende Schriftsteller wurde am 10. Dezember 1923 in Madrid geboren. Zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs musste er bereits als Vierzehnjähriger mit seiner Familie nach Paris fliehen. Dort besuchte er das Gymnasium und begann ein Philosophiestudium an der Sorbonne. 1941 trat er unter dem Decknamen »Gérard« der kommunistisch-französischen Résistance-Bewegung bei. 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Nach seiner Befreiung 1945 kehrte er vorerst nach Paris zurück. Sein literarisches Schaffen ist fast ausschließlich dem einen Thema gewidmet.
»Aber man darf sich keine Illusionen machen: man kann nie alles sagen. Ein Leben würde dazu nicht ausreichen. Alle erdenklichen Geschichten wären immer nur verstreute Fragmente einer endlosen, buchstäblich unendlichen Geschichte.« 5
Nach seiner Rückkehr nach Paris macht der junge Autor sich daran zu schreiben, aber er scheitert. In seinem 1994 in Frankreich erschienen Buch »Schreiben oder Leben« thematisiert er eindrucksvoll das Ringen um den Ausdruck, um den künstlerischen Schaffensprozess, um das Überleben mit den Erinnerungen an die vergangenen Jahre. Die Realitäten scheinen sich zu verschieben. Er schreibt:
»Alles war ein Traum, seit ich den Buchenwald auf dem Ettersberg verlassen hatte, die letzte Wirklichkeit.« 6
Mit dieser Darstellung steht er nicht allein, denn Primo Levi, Deportierter und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz formulierte es nicht anders:
»Nichts war wirklich außer dem Lager; alles andere waren kurze Ferien, oder Sinnestäuschungen, Traum: so ist es.« 7
Am 11. April 1987 beendete Primo Levi sein Leben selbst. Auch Jorge Semprún sieht sich vor die innere Entscheidung gestellt weiterzuleben oder zu schreiben. Das Ringen beim Schreiben wird ihm zum existenziellen Ringen um das Überleben nach Buchwald.
»Ich wünsche mir nur das Vergessen, sonst nichts. Ich halte es für ungerecht, fast unanständig, daß ich achtzehn Monate Buchenwald ohne eine einzige Minute der Angst, ohne einen einzigen Alptraum hinter mich gebracht habe, (…) um mich jetzt, dem allen entronnen, bisweilen der nacktesten Angst verfallen zu sehen, der unsinnigsten, der vom Leben selbst, von der Heiterkeit und den Freuden des Lebens wie von der Erinnerung an den Tod gespeisten Angst.« 8
Semprún betont, nur das Vergessen könne ihn retten. Sechzehn Jahre ist er nicht in der Lage seine Erinnerungen schriftstellerisch zu verarbeiten. Erst 1963 erscheint sein erster Roman, »Die große Reise«, in dem er in verschränkten Rückblenden die Erfahrungen des Konzentrationslagers und der Deportation schildert. Manuel, der Protagonist des Romans »Die Ohmacht« sitzt in einem Pariser Vorortzug. Es sind erst wenige Monate vergangen, seit er aus dem Lager zurück ist, als er plötzlich von der Plattform des fahrenden Zuges fällt. Er verliert das Gedächtnis und nur allmählich kehren Bruchstücke seiner Erinnerung zurück. Ein bedeutsames Bild. Im literarischen Umgang mit dem Vergessen, dem Erinnern und dem damit verbundenen Überleben entstehen zentrale Motive auch in anderen Büchern Jorge Semprúns, unter anderem in »Was für ein schöner Sonntag« und »Schreiben oder Leben«.
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs ist Jorge Semprún weiterhin für den kommunistischen Widerstand gegen das Franco-Regime in Spanien tätig. Doch mit der Zeit wächst seine scharfe Kritik am Kommunismus. 1964 wird er wegen so genannter »Abweichungen von der Parteilinie« aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Seine Kritik bezieht sich auf den Totalitarismus im Allgemeinen, ob im nationalsozialistischen oder im kommunistischen System. Seither ist er nicht nur als Schriftsteller tätig, sondern auch als Drehbuchautor bekannt geworden. Von 1988 – 1991 war Semprún spanischer Kulturminister.
Heute gehört Jorge Semprún zu denjenigen, die über Buchwald sprechen können. Aus dem »Schreiben oder Leben« ist mittlerweile vielleicht ein »Schreiben um zu Überleben«, aber vor allem, um darüber zu reden geworden. Später, wenn niemand mehr davon rede, käme für ihn vielleicht die Zeit zu sprechen, heißt es im Roman »Die große Reise«. Dass Jorge Semprún dabei nicht allein über Buchenwald spricht, sondern darüber, was Erinnerung, Vergessen und die literarische Auseinandersetzung damit bedeutet, darin liegt eine besondere Qualität seiner Bücher. Jorge Semprún betreibt keine oberflächliche Vergangenheitsverarbeitung, seine Bücher sprechen vielmehr von einem beharrlichen Bemühen um Auseinandersetzung mit einer unbestechlichen Erinnerung. Hat man die Bücher Jorge Semprúns gelesen, steht man in der Gedenkstätte Buchenwald immer wieder vor den Spuren seiner Erinnerung: einem Erfahrungsbericht, der dort nachzulesen ist, der Zeichnung eines Häftlings, den er in seinen Büchern beschreibt, eine Liste der Todesfälle, von der er an anderer Stelle spricht. Es ist etwas anderes, seine literarischen Erinnerungen zu kennen und diese Dinge in der Dauerausstellung zu sehen. Es sind irgendwie keine Ausstellungsstücke.
»[…] Ich sage mir, daß das neue Deutschland, aus der doppelten Tragödie des 20. Jahrhunderts hervorgegangen, in Europa verankert und dessen mögliche Verankerung in der Zukunft, es sich schuldig wäre, die Stätte Weimar-Buchenwald zu einem Ort des Gedenkens und der internationalen Kultur der demokratischen Vernunft zu machen.« 9
© 2007, Michael Helm, Textfassung des Radiofeatures vom 27.03.07
Zitatnachweis
1 Jorge Semprún, Schreiben oder Leben, Suhrkamp, 1997, S. 260
2 Jorge Semprún, Schreiben oder Leben, Suhrkamp, 1997, S. 260
3 Jorge Semprún, Der Tote in meinem Namen, Suhrkamp, 2003, S. 38
4 Jorge Semprún, Schreiben oder Leben, Suhrkamp, 1997, S. 152
5 Jorge Semprún, Was für ein schöner Sonntag, Suhrkamp, 1981, Ausgabe der SZ, S. 104
6 Jorge Semprún, Schreiben oder Leben, Suhrkamp, 1997, S. 186
7 zitiert aus: Jorge Semprún, Schreiben oder Leben, Suhrkamp, 1997, S. 297
8 Jorge Semprún, Schreiben oder Leben, Suhrkamp, 1997, S. 193
9 Jorge Semprún, Schreiben oder Leben, Suhrkamp, 1997, S. 360
Weiterführende Literatur:
- Jorge Semprún, Schreiben oder Leben, Suhrkamp
- Jorge Semprún, Der Tote in meinem Namen, Suhrkamp
- Jorge Semprún, Was für ein schöner Sonntag!, Suhrkamp, (Süddeutsche Zeitung)
- Jorge Semprún, Die Ohnmacht, Suhrkamp
- David A. Hackett (Hrsg.), Der Buchenwald-Report, C.H. Beck
- Holm Kirsten (Hrsg.); Wulf Kirsten (Hrsg.), Stimmen aus Buchenwald – Ein Lesebuch, Wallstein Verlag
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